Sympra bietet ab 1.1.2015 keine Praktika mehr an.

von Veit Mathauer

Praktidesk

a) Fast so lange es Sympra gibt (seit 23 Jahren), gibt es auch Sympra-Praktika. Wir finden Praktika bestens geeignet, um durch aktive Mitarbeit einen Einblick in die Öffentlichkeitsarbeit zu erhalten. (Ich selbst bin über verschiedene Praktika in die PR-Branche gelangt.) Praktikanten kommen für mindestens drei, besser für sechs Monate zu uns; kürzere Zeiträume haben sich für beide Seiten nicht bewährt. Wir möchten ihnen die Gelegenheit bieten, Praxiserfahrung zu sammeln und ihr theoretisches Wissen über Kommunikation zu ergänzen. Entsprechend Mühe geben wir uns: Wir leisten ausführliche Hilfestellung, binden sie aktiv in Projekte mit ein und lassen sie teilhaben an Ideenfindung und Umsetzung. Dafür zeigen wir z. B., wie man eine gute Pressemitteilung erstellt, nehmen die Praktis mit zu Besprechungen und Terminen, schicken sie auf Veranstaltungen, lassen sie Texte schreiben, die wir mit ihnen besprechen. Und ja, Praktikanten unterstützen uns, etwa bei Vorrecherchen für die Redakteure, Erstellen von Einladungsverteilern, beim Bestücken von USB-Sticks oder – wenn es jahreszeitlich passt – bei der Organisation der Sympra-Weihnachtsfeier. In der Regel gelingt uns eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Schon vor vielen Jahren schlossen wir uns der Initiative „Fair Company“ von Handelsblatt und karriere.de an, weil wir deren Grundsätze und Regeln uneingeschränkt unterstützen. Und: Wir haben Praktika immer vergütet, nicht fürstlich, aber fair (500-700 Euro im Monat). Von den schätzungsweise 50 Praktikanten, die wir in den vergangenen zwei Dekaden beschäftigt haben, dürfte kaum einer nicht positiv über seine Zeit bei Sympra berichten; in einigen Fällen hat es so gut gepasst, dass sie bei uns geblieben sind.

500-700 EUR sind kein Spitzengehalt, aber wir müssen intern den Aufwand dazu kalkulieren, den die Anleitung und Betreuung des Praktikanten durch einen Consultant mit sich bringt. Wenn wir wirklich Orientierung bieten und Praxis vermitteln wollen, dann müssen wir hier investieren und nur wenige Prakti-Stunden lassen sich am Monatsende Kundenprojekten zu- und damit abrechnen.

b) Wir wollten es ja nicht glauben, aber ab 1. Januar 2015 greift der Mindestlohn auch für Praktikanten, wenn sie länger als drei Monate tätig sind. Das trifft, siehe oben, auf Sympra-Praktikanten normalerweise zu. 8,50 Euro pro Stunde führen zu Lohnkosten von über 1.600 Euro – mehr als das Doppelte wie bisher. Dieser Betrag lässt sich für ein Unternehmen unserer Größe nur noch darstellen, wenn wir den Praktikanten als günstige Arbeitskraft einsetzen, der möglichst viele Arbeiten erledigt, die wir weiterberechnen können, und der ansonsten die Botengänge und das Kaffeekochen übernimmt. Denn Consultants- oder gar Geschäftsführerstunden für Aus- und Weiterbildung sind da nicht mehr drin.

Wir haben daher beschlossen, aus betriebswirtschaftlichen Gründen ab 1. Januar 2015 keine Praktika mehr anzubieten.

c) Mag sein, dass es Agenturen und Verlage gibt, die Praktikanten die Aufgaben von (Junior) Consultants geben und diese entsprechend abrechnen. Oder Quasi-Praktikanten über ein Jahr und länger beschäftigen. So wollen wir es ja aber gerade nicht machen. Möglicherweise bricht bei dem einen oder anderen Dienstleister das Geschäftsmodell zusammen, weil er seinen Praktikanten jetzt als das bezahlen muss, was er eigentlich ist: eine Arbeitskraft. Das wäre zu begrüßen und reinigt die Branche.

d) Ein Praktikum ist, so jedenfalls haben wir die ursprüngliche Idee begriffen, in erster Linie eine Orientierungsphase und keine Zeit, in der man mal für ein paar Wochen malocht, um richtig Kohle zu verdienen. Wir haben den Eindruck, dass alle unsere Praktikanten das genau so verstanden hatten – und sie konnten immer sicher sein, dafür an anderer Stelle umso mehr zu profitieren.

e) Es tut uns wirklich Leid für all die Studierenden, die während oder nach ihrem Studium ein paar Monate Praxisluft schnuppern wollen (davon gibt es ja sehr viele, wie wir aus den eingehenden Bewerbungen wissen). Wir halten die Mindestlohnlösung für Praktikanten für katastrophal. Sie sorgt dafür, dass ein für die Branche und ihren Nachwuchs wichtiger Ausbildungs-, Berufsfindungs- und Rekrutierungsweg praktisch wegfallen wird. Dass dem so sein wird, wissen wir von unseren Partneragenturen in Großbritannien, Frankreich und Österreich, wo ebenfalls ein Mindestlohn vorgeschrieben ist und wo es kaum noch Praktikantenplätze gibt.

f) Ausbildung und Nachwuchsförderung liegen uns nach wie vor am Herzen, und traditionell bauen wir unseren Mitarbeiterstamm auch darüber auf. Wir werden uns künftig darauf verlegen, Traineestellen anzubieten, bei denen wir mindestens 15 Monate lang einen künftigen Sympraner in die PR-Welt einführen, ihn trainieren und externe Seminare besuchen lassen. Hier ist die Praktikumszeit dann sozusagen mit eingepreist; der Return-on-Invest ist bei 15+ Monaten gegeben.

Veit Mathauer

Veit Mathauer ist einer der beiden Geschäftsführer von Sympra. Wirtschaftswissenschaftler, Journalist, PR-Mensch, Boardmitglied im internationalen Public Relations Network (PRN) und Blogger. Ansonsten auch in den einschlägigen sozialen Netzwerken zu finden.

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Kommentare

Kommentar von Veit Mathauer |

Lieber Herr Professor Sandhu,

Danke für Ihre Hinweise. Wir bei Sympra sind die ersten, bei denen Berufseinsteiger möglichst viel Praxiserfahrung mitbringen sollen. Bis heute tragen wir durch unser Ausbildungsangebot – vom BOGy über Praktikum bis zum Traineeship – selber gern dazu bei. Bisher ist dies auch eine echte Win-Win-Situation.

Fragt sich aber, wie Praxiserfahrung gesammelt werden soll, wenn Unternehmen und Agenturen immer weniger Praktika anbieten – und dazu wird es bestimmt kommen; wenigstens vorübergehend, bis alle Hochschulen den Praxispart zum Pflichtteil des Studiums machen. Hochschulen wie die HdM sind hier vorbildlich.

Wir sind natürlich weiterhin am engen Kontakt zu Hochschulen und (hungrigen) Studierenden interessiert und bringen uns hier gerne ein – aber eben nicht für 8,50 EUR die Stunde.

VM

Kommentar von Birgit Krüger |

Liebe Sympras,

eine gute, differenzierte Darstellung der Situation, der ich noch einen Aspekt hinzufügen möchte: die Situation der Quereinsteiger. Nun ist diese allen PR-Studierenden und PR-Professoren verständlicherweise herzlich egal. In der Praxis bewerben sich bei PR-Agenturen aber gerade nach dem Studien viele Historiker, Politikwissenschaftler, Germanisten, Architekten, Amerikanisten und so weiter. Die noch keine Idee haben, was sie mit ihrem Studium anfangen wollen. Und erst recht keine Idee, ob PR wirklich eine Option ist. Schon oft sind orientierungslose junge Menschen nach dem Studium zu uns gekommen – und geblieben. Und fanden es auch in Ordnung, dass sie als Praktikanten angefangen haben. Da sie nicht die geringste relevante Erfahrung mitbrachten und deshalb viel Unterstützung brauchten. Und sich auch noch nicht festlegen wollten.

Die Generation Praktikum ist ein Phänomen, das Wikipedia in die 90er des letzten Jahrhundert verortet. Der demographische Wandel hat doch längst eine andere Realität geschaffen. Gut, negative Beispiele aus der heutigen Zeit gibt es immer noch. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass die Anzahl der positiven Erfahrungen deutlich höher wäre – wenn nicht immer nur die Meckerer Laut geben würden.

Die Studenten aus den eher generalistischen Studiengängen werden in Zukunft große Schwierigkeiten haben, sich zu orientieren. Denn auch unsere Agentur wird keine fertigen Bachelor oder Master mehr nehmen, die noch nicht genau wissen, was sie wollen. Ausbildung und Hilfestellung für Leute, von denen wir nicht sicher ausgehen können, dass sie bei uns bleiben, können wir uns leider nicht leisten. Und das ist schlecht für sehr viele junge Leute, die nach dem Studium noch nicht wissen, was sie mit sich anfangen wollen.

Kommentar von Veit Mathauer |

Liebe Birgit Krüger,

absolut richtig! Danke für diese Ergänzung.

Ich dachte eigentlich auch, dass das Thema “Generation Praktikum” durch Maßnahmen wie “Fair Company” deutlich an Brisanz verloren hätte.

Schade, dass der Mindestlohn in unserem Bereich am eigentlichen Ziel so vorbeischießt.

VM

Kommentar von Nicolas Scheidtweiler |

Hallo lieber Kollege,

ich bin Freiberufler, habe aber immer wieder viel Zeit in meine Praktikanten investiert. Darüberhinaus ist es für einen Freiberufler aber nur bedingt möglich ein Gehalt zu zahlen. Eine etwas andere Situation als bei Euch.

Auch wenn es jetzt heißt, da und da sind Ausnahmen vom Mindestlohn möglich, ist mir das Risiko zu hoch, dann doch in die Falle zu tappen. Denn ein Opt-out via privatwirtschaftlichem Vertrag sieht das Gesetz nicht vor. So kann der Praktikant im Zweifel immer den Mindestlohn einklagen.

Schade um die Ausbildungsqualität. Aber Gesetz bricht nicht BWL.

BG aus Bremen

Nicolas Scheidtweiler

Kommentar von Kate |

Lieber Schreiber,

Ihnen unterlief ein sprachlicher Schnitzer:

“mehr als das Doppelte wie bisher”, es heißt als statt wie.

Außerdem sollte allen klar sein, dass man von 500 bis 700 Euro keine Miete und kein Leben bezahlen kann. Mindestlohn ist fair, auch für Praktikanten.
Ich erlebe immer wieder, dass Firmen nur “so tun”, als sei dafür das Geld nicht da. Wer nicht auch durch den Lohnzettel Wertschätzung äußert, riskiert Fluktuation und Frust.

Kann man ja nun Trainees einstellen, da sind 1.600 noch im Soll.

– Kate

Kommentar von Veit Mathauer |

Liebe Kate,

korrekt: 500-700 Euro sind nicht viel. Aber ein Praktikum soll ja auch kein Ersatz für einen “richtigen” Job sein, sondern Teil einer Berufsausbildung bzw. einer beruflichen Orientierung. Mit dem Gehalt bewegen wir uns in etwas auf Höhe des Bafög-Satzes.

VM

PS. Ist kein sprachlicher Schnitzer! Denn “als” bezieht sich auf “mehr”, aber “wie bisher” ist ein Teil für sich. Ich habe zur Sicherheit mit der Duden-Redaktion gesprochen … 🙂

Kommentar von Stefanie Sohr |

Lieber Herr Mathauer,

Sie schreiben, dass zusätzlich zu den Lohnkosten für einen Praktikanten auch die Kosten für die Betreuung durch einen Consultant zu kalkulieren sind. Es ehrt Sie sehr, dass Sie Ihren Mitarbeitern der Mehraufwand im Bereich der Ausbildung zeitlich und/oder monetär vergüten.

In den meisten Unternehmen ist das jedoch nicht so. Da geschieht die Betreuung von Praktikanten, Studenten, Azubis etc. on top zum eigentlichen Job. Es haut hin, weil viele Arbeitnehmer sich stark für junge Menschen engagieren. Und eigentlich ist das auch genau richtig so. Stichwort “gesellschaftliche Verantwortung.”

Die Gesellschaft verschafft der Wirtschaft einen Pool toller Absolventen.
Die Studenten/ Praktikanten/ Azubis werfen sich mit ganzer Arbeits-Kraft ins Arbeitsleben.
Die gestandenen Kollegen machen die Berufsanfänger fit fürs Unternehmen.
Und die Unternehmen zahlen (zukünftig) einen Mindestlohn.

Das scheint mir ein recht ausgewogenes Verhältnis – in dem jeder gibt und jeder profitiert.

Liebe Grüße
Stefanie Sohr

(Mag natürlich dennoch sein, dass das Konstrukt in Ihrem speziellen Fall hakt. Aber Gesetze können ja immer nur das Große und Ganze bestmöglich regeln.)

Kommentar von Stephan Glocker |

Hallo Herr Mathauer,

ich bin über einen Link im Zeit-Forum auf Ihr Statement gestoßen. Sehr gut beschrieben, same here … wer fair bleiben will, kommt leider unter die Räder.
Im Zeit-Forum hatte ich im April auch mal einen Diskussionsbeitrag zum Mindestlohn (siehe unten) beigesteuert, und wurde prompt als böser Ausbeuter angeprangert. Jetzt streichen wohl auch wir schweren Herzens die Praktikantenstellen …

Viele Grüße, Stephan Glocker

Auszug aus Beitrag Zeit-Forum …

Wir betreiben ein kleines Redaktionsbüro (Special Interest-Medien Print & online) mit ca. zehn Leuten und nehmen immer wieder mal Praktikanten, die in eine Redaktion reinschnuppern möchten. Damit das halbwegs Sinn macht, sind vier Monate das Minimum.

Über Bewerber entscheiden wir rein nach persönlichem Eindruck und vermutetem Potenzial. Uni-Abschlüsse etc. haben für unsere Zwecke kaum Aussagekraft. Dass ein heutiger “Master” zum Beispiel die Rechtschreibung halbwegs beherrscht, ist leider keine Selbstverständlichkeit. Von “fertig ausgebildet” kann – in unserem Berufsbild – keine Rede sein.

Die Praktis kriegen bei uns derzeit 600 Euro/Monat; sobald sie Druckfähiges abliefern: 800 Euro. Ausgebeutet haben wir – glaube ich – noch niemanden, aber Einblicke verschafft, die allen bei ihrer Berufsfindung geholfen haben – und sei es nur die Erkenntnis, dass dieser Job wohl nichts für sie ist.

Im Idealfall produzieren die Praktis auch Brauchbares, mitunter sogar Wertvolles. Zuletzt wurden zwei Praktikanten als Volontäre (im Journalismus die reguläre Ausbildung) übernommen, übrigens zu tariflichen Bedingungen mit ca. 2000 Euro/Monat und Kostenübernahme aller Kurse etc.

Sollte uns künftig jeder Praktikant aus dem Stand ca. 1600 bis 1700 Euro/Monat kosten (Mindestlohn zzgl. Arbeitnehmeranteil Sozialabgaben), könnten wir dieses “Schnupper-Angebot” für Berufseinsteiger wohl nicht aufrecht erhalten.

Kommentar von Veit Mathauer |

Liebe Frau Sohr, lieber Herr Glocker,

die Mindestlohngeschichte trifft halt leider (auch) die Unternehmen, die einen Praktikanten als Auszubildenden und nicht als preisgünstige Arbeitskraft betrachten – wie Sie, Herr Glocker, wie Sympra. Trotzdem glaube ich, dass es bessere Instrumente gibt, “gute” Ausbildungsbetriebe von “weniger guten” zu unterscheiden als pauschal den Mindestlohn zu verordnen; das Siegel “Fair Company” von Handelsblatt/karriere.de, beispielsweise, finde ich hierfür eine sehr gute Möglichkeit.

Und, Herr Glocker, wie Sie der Diskussion auf http://www.facebook.com/sympra entnehmen können: Die Kritik, der Sie im ZEIT Forum ausgesetzt waren, trifft auch uns.

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